Stell dir vor, es ist Bundesschülerkonferenz, und einer hört hin

Vom 26. bis 28. Juli hat eine zweitägige Klausurtagung der Bundesschülerkonferenz (BSK) in Berlin stattgefunden. Schülervertreter*innen aus ganz Deutschland haben sich hier zusammengefunden, um sich über Themen wie Digitalisierung, internationale Vernetzung und Bildung für nachhaltige Entwicklung auszutauschen und gemeinsame Positionen zu entwickeln. Schon im Vorfeld veröffentlichte die BSK gemeinsam mit dem Deutschen Kinderhilfswerk eine Pressemitteilung, in der sie dringend anmahnen, eine umfassende Beteiligung der Schüler*innen an der Konzeptausarbeitung zur Öffnung der Schulen und dem Schulbetrieb zu intensivieren. Es brauche in der Corona-Krise kreative Konzepte für Schulen, auch wenn es darum geht, das selbständige und digitale Lernen der Schüler*innen sowie ihre Kapazitäten mit der Krisensituation umzugehen, zu stärken.

„Als direkt Betroffene der Maßnahmen bekommen wir die Auswirkungen im Schulalltag deutlich zu spüren. Evaluationen und Verbesserungen der Konzepte gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern durchzuführen und abzustimmen ist daher wichtiger denn je.” Jan Zinal, Innenkoordinator der BSK

Bei der Recherche zu diesem Beitrag war es verwunderlich, dass die Klausurtagung in den Medien eher eine Randnotiz darstellte. Man sollte eigentlich davon ausgehen, dass ein Gipfel der deutschen Schüler*innenschaft in der momentanen Zeit für mehr Interesse sorgt. Jedoch scheint auch die BSK die Möglichkeiten, sich selbst medial zu platzieren, nicht wirklich auszuschöpfen.

Nicht betroffen machen – Macht den Betroffenen

Aber nicht nur zu Krisenzeiten wäre eine stärkere Einbeziehung der Schüler*innen wünschenswert und angezeigt. Denn die konzeptionelle Weiterentwicklung dessen, was junge Menschen wie in der Schule vermittelt bekommen, beeinflusst in hohem Maße, ob sie sich später selbstbestimmt in unserer Gesellschaft verwirklichen können. Die diesbezüglichen Sorgenfalten auf den Stirnen der Schüler*innen werden durch die vom BSK nach der Klausurtagung in Berlin veröffentlichte Pressemitteilung sichtbar. Die dort gestellten Forderungen zeigen, dass hier junge Menschen um ihre Zukunft bangen:

  • Digitalisierung nach vorne bringen –  An vielen Schulen fehle es derzeit an der nötigen digitalen Infrastruktur. Des Weiteren werde aktuell nicht sichergestellt, dass alle Schüler*innen digital am Unterricht teilhaben können. Die BSK fordert daher die Bereitstellung von finanziellen Mitteln für digitale Endgeräte sowie Modernisierung und Ausbau der digitalen Infrastruktur an Schulen.
  • Schule muss Medienkompetenz vermitteln – Damit der Umgang mit digitalen Endgeräten und digitalen Medien reibungslos und sicher ablaufen kann, sei auch die entsprechende Kompetenz im Umgang mit diesen erforderlich. Dazu fordert die BSK eine verpflichtende Implementierung von Medienbildung und -kompetenzvermittlung in die Lehrpläne.
  • Lehrerfortbildung für die digitale Mediennutzung essentiell – Die BSK fordert verpflichtende schulinterne Fortbildungen im Bereich der Medienkompetenz und deren Vermittlung für Lehrkräfte. Hierbei sei darauf zu achten, dass alle Lehrkörper ohne große bürokratische Aufwände, vor Ort und finanziell unterstützt Möglichkeiten bekommen, digitale Kompetenzen zu erlernen.
  • Berufliche Orientierung stärken und berufliche Bildung breiter aufstellen – Die BSK verlangt, dass Schüler*innen aller Schularten in Deutschland obligatorisch an verschiedenste Berufsfelder herangeführt werden. Der zeitliche Aufwand für Berufspraktika solle erhöht und Zeit im Unterricht für eine Evaluation zusätzlich aufgebracht werden. Darüber hinaus werden regelmäßige Vernetzungstreffen zwischen Vertreter*innen der Schulgemeinschaft und der Wirtschaft, sowie weiteren relevanten Akteur*innen gefordert, um eine praxisnahe Berufsorientierung sicherzustellen.

Mit den Programmen „Corona-Hilfe I: Förderung von Content“ und „Corona-Hilfe II: Sofortprogramm Endgeräte“ wurden die Forderungen nach finanzieller Unterstützung bereits teilweise umgesetzt. Auch eine verpflichtende Implementierung von Medienbildung und -kompetenzvermittlung in die Lehrpläne ist bereits Voraussetzung für den Abruf von Mitteln aus dem sogenannten Digitalpakt. Diesbezüglich scheint es daher auch ein gewisses Kommunikationsproblem zwischen Schüler*innen und Politiker*innen zu geben. Die Forderungen deuten darauf hin, dass sich die zur Verfügung gestellten Mittel noch nicht im Schulalltag bemerkbar machen. Dies sollte nochmal als Hinweis dafür gelten, dass nun zügig alle Mittel aus dem Digitalpakt abgerufen und die hierfür verfassten Medienentwicklungspläne auch umgesetzt werden.

Die Forderungen nach mehr Fortbildungen für Lehrkräfte und einer stärkeren Berufsorientierung sind richtig und wichtig. Bezüglich der Lehrer*innenfortbildungen ist aber zu bedenken, dass sie heutzutage nicht mehr an eine räumliche Präsenz gebunden sind. Die Forderung nach Fortbildung „vor Ort“ ist insbesondere im Kontext einer gewünschten Digitalisierung des Schulwesens nicht ganz nachvollziehbar. Durch E-Learnings und Webinare kann Fortbildung schon jetzt unabhängig von Zeit und Ort umgesetzt werden. Auch bezüglich der Berufsorientierung kann die Digitalisierung ganz neue Möglichkeiten eröffnen. So ermöglicht beispielsweise die svipe-App, sich auf dem Smartphone in kurzweiliger und intuitiver Form mit der Berufswahl auseinanderzusetzen.

Macht kommt auch von machen

Die Forderung nach mehr Einbeziehung seitens der BSK ist legitim und wichtig. Neben der BSK gibt es weitere Möglichkeiten der Jugendbeteiligung, die mitunter noch zu wenig genutzt werden. Organisationen wie der Deutsche Bundesjugendring und seine Ableger in den Ländern, zahlreiche Vereine und Initiativen im Bereich der Jugendbeteiligung sowie die Jugendorganisationen der Parteien bieten bereits heute schon die Möglichkeit, sich als junger Mensch Gehör zu verschaffen. Daher stellt sich die Frage, wie die hier eingebrachten Meinungen und Positionen stärker Einzug in politische Entscheidungsprozesse erhalten können. Denn junge Menschen sollten das Gefühl vermittelt bekommen, ernst genommen zu werden und durch ihr Engagement wirklich etwas verändern zu können. Denn hierdurch können auch andere dazu motiviert werden, sich einzubringen und zu einer lebendigen Demokratie beizutragen.

Reden ist Silber, Zuhören ist Gold

„Wir haben manchmal das Gefühl, dass wir Schülerinnen und Schüler tatsächlich am Ende so ein bisschen runterfallen und nicht genug gehört werden. Das ist aber wiederum jetzt auch bei unserer Konferenz großes Thema, wie können wir es eigentlich erreichen, dass wir auch mehr gehört werden?“ Torben Krauß, Fachkoordinator für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der BSK

Dieses Zitat aus einem Interview im Deutschlandfunk Kultur zeigt, dass sich innerhalb der Schüler*innenschaft Unzufriedenheit wegen der mangelnden Bereitschaft zu ihrer Anhörung breitmacht. Es scheint also tatsächlich einen Mangel an Austausch bzw. Einbeziehung zu geben. Besonders vor dem Hintergrund, dass viele von ihnen noch nicht die Möglichkeit haben, sich über Wahlen am politischen Prozess zu beteiligen, müssen andere Formen eines echten und ergebnisorientierten Austausches geschaffen werden. Denn für eine demokratische Gesellschaft ist es ein extrem bedenkliches Signal, wenn ihre zukünftigen Gestalter*innen mit dem Gefühl starten, dass politische Prozesse mehr aus einem übereinander denn aus einem miteinander reden bestehen. Um letzterem Vorschub zu leisten, haben wir zum Beispiel unserer Kampagne #overtoyou20 gestartet.

Gerade in der momentanen Zeit, wo die gesamte Gesellschaft eher auf Sicht in eine nebulöse Zukunft fährt, sollte gemeinschaftlich daran gearbeitet werden, den Nebel zu lichten. In der eingangs erwähnten Pressemitteilung weist Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerks, darauf hin, dass gerade „Erwachsene nicht so tun [sollten], als wären wir stets allwissend“. Dem ist uneingeschränkt zuzustimmen. Zum einen glaubt an erwachsene Allwissenheit sowieso keiner der jungen Menschen – die Proteste rund um die Fridays for Future-Bewegung sind hierfür beredtes Zeugnis. Zum anderen kann gerade das Eingeständnis partieller Unwissenheit Vertrauen wecken und das generationenübergreifende und gemeinschaftliche Arbeiten an Lösungen ermöglichen.

Der Baum brennt, löschen wir ihn gemeinsam!

Ein Sprichwort besagt: Man muss kein Baum sein, um sich für den Schutz des Waldes einzusetzen. Und natürlich dürfen sich nicht nur Betroffene selbst für ihre Belange einsetzen. Selbstverständlich bedarf es der Expertise von Bildungspolitiker*innen und -expert*innen, um die Weichen für die Schule der Zukunft zu stellen. Aber wenn die Bäume sich selbst äußern und einbringen können, wäre es vielleicht keine schlechte Idee, sie stärker einzubeziehen. Besonders dann, wenn der Baum brennt, weil der Wald bereits in Flammen steht. Dafür müssen alle Seiten bereit sein zu lernen, miteinander zu reden, sich zuzuhören und an einem Strang zu ziehen.

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